Wenn Leistung zum Maßstab des Selbstwerts wird
Diesen Satz höre ich in Gesprächen mit jungen, leistungsorientierten Menschen immer häufiger. Nicht als Klage, sondern als inneren Antrieb. Als etwas, das morgens antreibt und abends nur schwer abschalten lässt.
Ehrgeiz ist nichts Negatives. Ziele zu haben, sich entwickeln zu wollen und etwas erreichen zu wollen, ist eine zentrale Grundlage für persönliches Wachstum. Problematisch wird es dann, wenn Leistung nicht mehr Mittel zum Zweck ist, sondern zum alleinigen Maßstab für den eigenen Wert wird.
Die Falle der permanenten Vergleichbarkeit
Viele junge Menschen wachsen in einem permanenten Vergleich auf. Karrieren, Gehälter, Lebensstile, Erfolge. Alles ist sichtbar, jederzeit. Social Media verstärkt diesen Effekt. Erfolg wirkt dort mühelos, linear und dauerhaft. Zweifel, Umwege oder Brüche bleiben unsichtbar.
Dabei geht häufig ein realistisches Verhältnis zu Leistung verloren. Wer ständig das Gefühl hat, mithalten zu müssen, entwickelt die Angst, nicht genug zu sein. Nicht schnell genug. Nicht erfolgreich genug. Nicht außergewöhnlich genug.
Das Problem ist nicht der Ehrgeiz selbst
Im Gegenteil. Ehrgeiz kann motivieren, strukturieren und Entwicklung ermöglichen. Kritisch wird es dann, wenn Phasen des Innehaltens, der Unsicherheit oder des Zweifelns als persönliches Scheitern interpretiert werden. Wenn Stillstand automatisch als Rückschritt gilt.
Ein wiederkehrendes Muster in Beratung und Coaching
In Gesprächen mit jungen leistungsorientierten Menschen aus Beratung, Lehre und Coaching begegnet mir dieses Muster regelmäßig. Viele sind objektiv leistungsfähig, reflektiert und engagiert. Und trotzdem innerlich unter Druck. Nicht, weil jemand sie direkt antreibt, sondern weil sie sich selbst kaum erlauben, durchschnittlich zu sein oder auch nur menschlich.
Wahre Entwicklung verläuft niemals geradlinig
Entwicklung verläuft selten geradlinig. Sie verläuft in Phasen. Mit Fortschritt, Rückschritten und Neuorientierung. Wer Leistung ausschließlich als Aufwärtsbewegung versteht, gerät in dauerhaften inneren Stress. Wer den eigenen Wert nur an Ergebnissen misst, verliert den Blick für das, was bereits da ist.
Die eigentliche Herausforderung
Die eigentliche Herausforderung liegt daher nicht darin, außergewöhnlich zu sein. Sondern darin, den eigenen Wert nicht ausschließlich an Leistung festzumachen. Ehrgeiz darf antreiben. Er sollte nicht erdrücken.
Wenn du dich in diesen Gedanken wiedererkennst oder merkst, dass dich dieses Thema beschäftigt, kann es sinnvoll sein, einen Schritt zurückzutreten und Dinge zu sortieren. Gespräche darüber schaffen Klarheit.